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Golf

Leonie Harm im Interview

13. August 2022
Leonie Harm

»Eigentlich wollte ich nie Profi werden.«

Im Interview mit GOLF’n’STYLE spricht die 24 Jahre alte Spielerin von der Ladies
European Tour über ihren toughen Weg bis ins Profigeschäft, ihre Vorbilder und ihren ganz großen Traum.

Leonie, Du bist mehrfache deutsche Meisterin, hast die Amateur British Open gewonnen und bist seit Anfang 2020 Profispielerin auf der LET. Wie aber bist Du überhaupt zum Golfen gekommen?

Meine Eltern haben sich damals schon vor meiner Geburt eine Sportart gesucht, die man als ganze Familie machen kann. Ich bin da also schon als Kind praktisch reingewachsen.

Und Du bist dabeigeblieben. Was macht Golf in Deinen Augen so besonders?

Die nie endende Herausforderung! Du hast zwar mal einen Tag, an dem du perfekt puttest oder super Drives schlägst. Aber es gibt im Golf ja eigentlich keine Runde, nach der du nicht sagen könntest: Da wäre noch mehr drin gewesen. Es gibt theoretisch einfach kein Limit. Dafür ist der Golfsport in seinen Anforderungen zu vielseitig. Hinzu kommt, dass du immer wieder neue Schläge aus unterschiedlichen Situationen hast. Einfach spannend!

Im Mai 2013 hattest Du dann einen schweren Unfall. Du wurdest als Joggerin von einer Autofahrerin mit 70 Km/h erfasst, hast Dir unter anderem einen Schädelbasisbruch zugezogen und wurdest ins Koma versetzt. Mit viel Glück und durch gute Erstversorgung hast Du überlebt. Wie lange hast Du gebraucht, um wieder auf den Beinen zu stehen und Golf spielen zu können?

Nach zweieinhalb Wochen habe ich mich selbst aus dem Krankenhaus entlassen, konnte wegen eines Splitterbruchs im Fuß aber erst Wochen später wieder richtig auftreten. Sobald ich gehen konnte, habe ich angefangen Bälle zu schlagen, zu großem Missfallen vieler Leute um mich herum (lacht). Insgesamt war es ein längerer Prozess. Ab der Saison 2014 war in Anführungszeichen wieder alles normal.

Konntest Du aus dem Unfall und der Zeit danach positive Dinge mitnehmen, was die Lebenseinstellung angeht?

Ich weiß, dass ich großes Glück hatte. Es ist aber nicht so, dass ich morgens aufstehe und denke: Wow, welch Wunder, dass ich noch lebe – carpe diem (lacht). Ich bin jemand, der wenige Entscheidungen bereut. Aber ob das mit dem Unfall zu tun hat, weiß ich nicht.

Du hast während Deiner College-Zeit in Houston auch noch Deine Mutter verloren. Das ist sehr viel, mit dem Du umgehen musstest. Wie hast Du es geschafft, dem Traum vom Profigolf weiter nachzugehen?

Ehrlich gesagt, wollte ich nie Profi werden. Ich bin zum Studieren in die USA gegangen und wollte als Golfspielerin die Erfahrungen eines Student Athlete machen. Erst im letzten College-Jahr, habe ich mich entschieden, ins Profilager zu wechseln. Natürlich war es hart, meine Mutter zu verlieren. Zum Glück war ich zu der Zeit in Deutschland und konnte von ihr Abschied nehmen. Trotzdem war es keine schöne Zeit in meinem Leben. Das Golfen und mein Team in den USA hat mir Halt gegeben und mein Coach war für mich wie ein Ersatzelternteil.

Du hast Dir in den USA nicht gerade die typischsten Studienfächer ausgesucht! Wie genau kam das?

Stimmt, ich habe Bio-Chemie und Bio-Physik studiert. Das war kein Spaziergang (lacht). Ursprünglich wollte ich einen „normalen“ Beruf ergreifen und in die Krebsforschung gehen, aber jetzt konzentriere ich mich erst einmal komplett aufs Golfen. Mal sehen, was nach der Profikarriere noch passiert.

Da hast Du ja noch genug Zeit. Denn Du stehst mit 24 Jahren noch am Anfang Deiner Karriere. Eine Karriere, in der Du noch auf Deinen ersten Profisieg wartest. Beim Heimspiel, den Amundi German Masters, hätte es neulich beinahe geklappt.

Ja, genau. Ich wurde vor heimischem Publikum Zweite! Darüber habe ich mich total gefreut. Zu keinem Zeitpunkt habe ich daran gedacht, den ersten Platz verpasst zu haben. Das ist einfach nicht mein Ding. Ich weiß, dass ich auf einem guten Weg in Richtung eines ersten Sieges bin, will daraus aber nicht zu Großes machen. Ein Turnier zu gewinnen, hängt ja schließlich auch ein bisschen davon ab, was die anderen 130 Spielerinnen machen.

Was ist in Deinen Augen Deine größte Stärke auf dem Golfplatz?

Mein Eisenspiel ist seit Jahren mein Fels in der Brandung. Außerdem kann ich verschiedene Situationen, wie zum Beispiel die Balllage, sehr gut einschätzen. Auch die Selbsteinschätzungen meiner Fähigkeiten sowie meiner Stärken und Schwächen sind ganz gut denke ich und helfen mir weiter.

Leonie Harm Golfschlag

Von wem schaust Du Dir als Profisportlerin und als Golferin gerne noch etwas ab?

Außerhalb des Golfsports vor allem von Lewis Hamilton. Aus psychologischer Sicht ist er ein großes Vorbild für mich, wie er bei jedem Rennen immer wieder an seine Grenzen geht. Im Golf ist es tatsächlich schon seit über einem Jahrzehnt Rory McIlroy. Ich finde die Art wie er Golf spielt wirklich cool. Es macht einfach Spaß, ihm beim Spiel und seinem besonderen Schwung zuzuschauen.

Wie siehst Du die Entwicklung im Damengolf? Noch gibt es beachtliche Unterschiede zu den Herren. Nimmst Du trotzdem wahr, dass die Aufmerksamkeit wächst?

Ich habe ja während Corona angefangen, da gab es gar keine Zuschauer. Aber ich denke schon, dass die Aufmerksamkeit wächst und das ist schön. Ich finde es toll, dass Golf ein Sport ist, den du als Frau hauptberuflich machen kannst. Und auch wenn ich irgendwann auf die LPGA Tour will, spielen die anderen Mädels und ich gerne auf der LET. Hier läuft alles sehr freundschaftlich ab. Das ist längst nicht auf jeder Damentour so.

Der nächste Schritt ist die LPGA Tour, wie aber sieht Dein übergeordnetes Ziel und Dein großer Karrieretraum aus?

Ich möchte unbedingt zu den Olympischen Spielen. Das ist mein großes Ziel. Dort vielleicht eine Medaille zu gewinnen, wäre ein Traum. Für mich als Sportlerin ist das die allergrößte Bühne. Und dass man nicht jedes Jahr die Chance dazu hat, macht es noch besonderer. Auch Majors zu spielen ist abgefahren und cool. Das hat im vergangenen Jahr riesigen Spaß gemacht. Natürlich möchte man dort auch mal ganz oben stehen. Aber die größte Passion sind die Olympischen Spiele! « JAL

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