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Golf

Golf Etikette: Regeln ja, Sittenpolizei nein

7. September 2026
Golfer

Golf Etikette ist wichtig. Sie schützt den Platz, sorgt für Sicherheit und macht ein faires Miteinander möglich. Doch muss sie auch bestimmen, wie herum eine Cap sitzt oder ob ein Poloshirt einen Kragen hat? Ein Meinungsbeitrag von GOLF’N’STYLE-Redakteur Julius Allzeit.

Marcel Siem hatte sich nichts zuschulden kommen lassen. Keine Pitchmarke ignoriert, keinen Flight aufgehalten, niemanden mit einem Ball gefährdet. Sein Vergehen bei der BMW International Open 2025: Er trug seine Cap verkehrt herum.

Für mindestens einen Beobachter offenbar Grund genug, sich darüber zu beschweren. Martin Kaymer griff die Geschichte später auf und fragte sinngemäß: Wo wollen wir mit unserem Sport eigentlich hin?

Eine ziemlich gute Frage. Denn Golf will moderner werden. Jünger. Offener. Weniger elitär. Neue Zielgruppen sollen auf die Plätze, alte Vorurteile verschwinden.

Gleichzeitig diskutieren wir darüber, ob eine Cap in die richtige Richtung zeigt. Ob ein Poloshirt zwingend einen Kragen braucht. Oder ob Frauen ihre Schultern bedecken sollten.

Vielleicht sollten wir uns deshalb grundsätzlich fragen: Welche Golf Etikette braucht der Sport wirklich? Und ab wann verwechseln wir Tradition mit – Achtung, böses Wort – Spießigkeit?

Reparatur eines beschädigten Golfrasens per Hand

Keine Frage: Divots müssen zurückgelegt werden

Golf ohne Etikette? Bitte nicht!

Zunächst einmal: Die Traditionalisten haben recht. Zumindest teilweise. Golf braucht Regeln und Umgangsformen. Vielleicht sogar mehr als viele andere Sportarten. Schließlich teilen sich Menschen über mehrere Stunden einen riesigen Platz, auf dem kleine weiße Bälle mit teilweise mehr als 200 km/h durch die Luft fliegen. Dass dabei bestimmte Konventionen gelten, ist ziemlich sinnvoll. Es gibt Leute, die möchten nicht, dass jemand redet, während sie abschlagen. Ich möchte nicht, dass ein Flight vor mir gemütlich drei Löcher Rückstand herausspielt und partout niemanden durchspielen lässt. Und wir alle wollen erst recht nicht, dass jemand seinen verzogenen Drive wortlos in Richtung einer anderen Spielbahn schickt. Doch genau hier liegt der entscheidende Punkt: All das hat einen nachvollziehbaren Grund. Es geht um Sicherheit, Rücksicht und Respekt. Eine Pitchmarke repariere ich, weil nach mir noch andere Menschen auf diesem Grün putten wollen. Mein Divot lege ich zurück, weil ich einen Teil des Platzes herausgeschlagen habe. Fliegt mein Ball in Richtung anderer Menschen, rufe ich „Fore!“, weil ich sie möglicherweise gerade in Gefahr bringe. Dafür brauche ich streng genommen nicht einmal Golftradition. Wenn mir im Alltag etwas herunterfällt, hebe ich es auf. Wenn ich jemanden gefährde, warne ich ihn. Wenn ich etwas kaputtmache, repariere ich es. An der Supermarktkasse dränge ich mich nicht vor, in der Bahn stehe ich für ältere Menschen auf. Nicht, weil über jedem einzelnen Fall eine Tafel mit Verhaltensregeln hängt. Sondern weil ein vernünftiges Miteinander so funktioniert. Warum sollte es auf dem Golfplatz anders sein?

Golfer mit Tweedmütze und Golfbag auf einem Golfplatz

Seit wann ist Geschmack eine Frage der Etikette?

Schwieriger wird es dort, wo dieser nachvollziehbare Respekt endet – und der persönliche Geschmack beginnt. Die Cap im Clubhaus. Das Shirt ohne Kragen. Der Hoodie. Die Jeans. Das ärmellose Oberteil. Für manche offenbar noch immer Grenzfälle des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Ich sehe das deutlich entspannter. Wer 18 Löcher in Jeans spielen möchte: Bitte. Bei 28 Grad oder Dauerregen wäre das zwar nicht meine erste textile Empfehlung, aber es ist auch nicht mein Bein, an dem die Hose klebt. Wer lieber einen Hoodie als ein Polo trägt, soll einen Hoodie tragen. Und wenn Marcel Siem oder ein Hobbygolfer seine Cap rückwärts angenehmer findet, wird auch davon vermutlich kein Grün langsamer. Wir leben im Jahr 2026. Die Gesellschaft verändert sich, dir Mode verändert sich – natürlich verändert sich auch Golf. Das bedeutet nicht, dass jede Tradition verschwinden muss. Im Gegenteil: Ich mag viele Traditionen dieses Sports. Aber wir sollten aufpassen, Tradition nicht mit verstaubter Spießigkeit zu verwechseln. Wer sich allein dadurch gestört fühlt, dass der Golfer nebenan – Achtung, Euphemismus – nicht in Knickerbocker und Fliege aufteet, hat womöglich weniger ein Etikette- als ein Geschmacksproblem. Und Geschmack lässt sich bekanntlich hervorragend haben. Man sollte ihn nur nicht allen anderen vorschreiben.

Golfetikette

Jeans auf dem Golfplatz? Natürlich!

Darf es vielleicht noch ein Bier sein?

Ähnlich verhält es sich mit Musik oder Getränken auf der Runde. Ich habe nichts gegen leise Musik. Andere möchten beim Golf am liebsten nur Vögel, Wind und das satte Geräusch eines perfekt getroffenen Eisen 7 hören. Beides ist völlig legitim. Die Grenze ist dort erreicht, wo aus meinem Spaß das Problem eines anderen wird. Wenn der Flight zwei Fairways weiter meinen Musikgeschmack ungefragt kennenlernen muss, ist die Box zu laut. Wenn das dritte Bier dazu führt, dass aus dem entspannten Golfer ein wandelnder Regelverstoß wird, waren es vermutlich zwei zu viel. Aber so lange niemand gestört wird: Wo genau liegt das Problem? Respekt funktioniert nämlich in beide Richtungen. Dazu gehört, die Ruhe desjenigen zu respektieren, der Golf klassisch, konzentriert und sportlich genießen möchte. Es gehört aber genauso dazu, zu akzeptieren, dass ein anderer seine Privatrunde vielleicht mit Freunden, Musik und einem Getränk genießen will. Es gibt nicht nur eine richtige Art, Spaß am Golf zu haben.

Woman golf player walking on fairway with golf trolley. Wearing white sporty uniform. Short skirt, polo and cap

Nicht jeder Golfclub muss gleich sein

Das bedeutet auch nicht, dass morgen jeder traditionsreiche Club seine Kleiderordnung schreddern muss. Golf darf unterschiedlich sein. Es darf den altehrwürdigen Club geben, in dessen Restaurant die Cap abgenommen wird und wo ein gewisser Dresscode zur Identität gehört. Und es darf den jungen, lockeren Club geben, in dem der Hoodie niemanden interessiert und auf der Terrasse nach der Runde Musik läuft. Diese Vielfalt ist sogar gut. Wer irgendwo Gast ist, kann sich an die dort geltenden Gepflogenheiten halten. Gleichzeitig dürfen Clubs sich gelegentlich die Frage gefallen lassen, warum eine bestimmte Regel oder ein ungeschriebenes Gesetz eigentlich existiert. Schützen sie den Platz? Verbessern sie das Miteinander? Sorgen sie für Sicherheit oder einen vernünftigen Spielfluss? Oder lautet die einzige Begründung: Das haben wir schon immer so gemacht? Gerade ein Sport, der seit Jahren darüber diskutiert, wie er mehr junge Menschen und neue Zielgruppen erreichen kann, sollte diese Frage häufiger stellen. Wir können nicht permanent erzählen, wie offen Golf inzwischen sei und Neuankömmlingen gleichzeitig das Gefühl geben, bereits mit der falschen Hose durch die Aufnahmeprüfung gefallen zu sein. Golf braucht Etikette. Unbedingt. Aber die wirklich wichtige Etikette ist erstaunlich unkompliziert: schütze den Platz. Gefährde niemanden. Halte andere nicht unnötig auf. Nimm Rücksicht. Sei freundlich. Ob der Mensch dabei Polo, Hoodie oder Jeans trägt, seine Cap vorwärts oder rückwärts aufsetzt und nach neun Löchern ein Bier öffnet, sollte dagegen im Jahr 2026 wirklich nicht mehr die entscheidende Frage sein.

Fotos: AdobeStock/ajr_images, Aurora Aesthetics, vladdeep, somchai, Dennis M. Swanson, Günter Menzl, PPhoto18@design

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